Er blickt auf eine herausragende Karriere im internationalen Finanzsektor zurück – dabei fing bei Michael Beckmann alles ganz anders an. Der frühere Banker, IT-Leiter und heutige Dozent und Unternehmerberater wurde in der DDR geboren und kam erst drei Jahre vor dem Mauerfall in den Westen. Über seine einzigartige Geschichte hielt er am Taunusgymnasium vor den Klassen 9f, 9g sowie dem Vorleistungskurs Geschichte einen Vortrag, der viele Schülerinnen und Schüler tief beeindruckt, ja sogar erschüttert zurückließ. Organisiert wurde die Veranstaltung von Frau Nowka.

Michael Beckmann kam als Kind regimetreuer Eltern 1965 in Eisenach zur Welt und wuchs am Rande Ost-Berlins auf. Während seine Eltern in der SED Karriere machen wollten, entwickelte er bereits früh einen Zwiespalt bezüglich der systematischen Indoktrination durch die staatlichen Institutionen: Sollte er den Mund halten oder seinen Unmut äußern? Verschärft wurde sein Dilemma von der Tatsache, dass ein Teil seiner Familie im Westen lebte und er dadurch mit der Lebensweise in der Bundesrepublik vertraut war.

Nachdem er schließlich mit 15 Jahren an einem „Wehrlager“ teilgenommen hatte, bei dem er unter anderem den Umgang mit dem Maschinengewehr lernte, das er notfalls auch auf Familienangehörige aus dem Westen richten sollte, traf er eine folgenschwere Entscheidung: Er würde früher oder später einen Ausreiseantrag stellen, um die DDR in Richtung Westen verlassen zu können. Das aus seiner Sicht völlige Fehlen von Individualität, gepaart mit einem System aus Bespitzelung – sogar unter Ehepartnern – sorgte für ihn dafür, dass man entweder mitmachen oder gehen musste.

Nachdem Beckmann 1984 das Abitur absolviert hatte, stellte er seinen Ausreiseantrag, wodurch ein langer Leidensweg begann. Als Abtrünniger wurde ihm sein Studienplatz entzogen, er wurde regelrecht kriminalisiert. 1986 erfolgte die Verhaftung durch die Stasi, er wurde zu Zuchthaus verurteilt, wo er physische und psychische Misshandlungen erfuhr und als politischer Gefangener Zwangsarbeit leisten musste. Im Dezember 1986 war das Leiden beendet: Im Rahmen der Häftlingsfreikäufe, durch die die DDR Devisen aus dem Westen erlöste, wurde Beckmann für knapp 100.000 Deutsche Mark freigekauft und in die Bundesrepublik entlassen.

Für Michael Beckmann lautet das Fazit seines Lebenswegs, dass auch totalitäre Herrschaft Moral nicht vollständig zu unterdrücken vermag. „Freiheit wächst nicht auf Bäumen“, mahnt Beckmann und fordert von den Schülerinnen und Schülern eine Pflicht zum Widerstand gegen jegliche Form der Unterdrückung ein. Würde er rückblickend anders handeln, wenn er vorher gewusst hätte, welche Qualen ihn erwarten? „Ich würde es wieder tun – aus Achtung vor mir selbst.“ Als eine Schülerin ihn fragt, wie er die Unterdrückung und Misshandlung ausgehalten habe, erzählt er von Verdrängung, Selbstvorwürfen und davon, dass das Reden über die Vergangenheit helfe. Und er schließt mit seinem vielleicht beeindruckendsten Satz: „Ein Held bin ich nicht, keine Sorge.“

 

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