Wenn jemand mit der für 8. Klassen des Taunusgymnasiums angekündigten Autorenlesung eine mehr oder weniger akademisch angehauchte Veranstaltung vermutete – wenn nicht gar befürchtete – hatte er sich gründlich geirrt. Stefan Gemmel hat sie „drauf“, die Sprache der Jugendlichen. Doch nicht nur die Sprache, auch Habitus, Denkmuster und nicht zuletzt soziale Strukturen und Verhaltensweisen in Gruppen von Jugendlichen sind ihm vertraut. Da ist er ganz „dicht dran“, er weiß genau, wovon er redet. Der Begriff „reden“ freilich trifft wohl noch nicht einmal im Ansatz das, was sich den Schülerinnen und Schülern im Theatersaal des Taunusgymnasiums darbot. Ein energiegeladener Solo-Performer schien sein junges Publikum förmlich anzuspringen. Hochfrequent und in stringenter Dramaturgie betextete er sein Auditorium, zog es unmittelbar in seinen Bann, dass es den Schülerinnen und Schülern geradezu den Atem verschlug. Geschickt durchmischte er dabei Beispiele aus Alltagssituationen, Rollenspiele (bis zu „gefühlt“ vier Charakteren spielt Gemmel locker in einer Person), gruppendynamische Übungen, mit denen er das Gesagte für die Jugendlichen erlebbar machte und – ach ja, da war doch noch etwas – tatsächlich auch gelesene Passagen aus seinem Buch „Befreiungsschlag“, die er bruchlos in seine Performance integrierte.
Worum genau geht es in diesem Buch? Es geht um Maik und dessen Neigung zu Gewalttätigkeit. Geprügelt hat sich Maik schon sehr oft. Wenn Maik rotsieht, schlägt er zu, erbarmungslos. Gründe spielen keine Rolle. Das blieb lange ohne ernstzunehmende Folgen. Sanktionen wusste der Siebzehnjährige erfolgreich zu vermeiden: Zu den vom Gericht angeordneten Sozialstunden meldete er sich krank, die Berufsfördermaßnahme saß er ab, Ermahnungen wurden ignoriert. Doch nun ist das Maß voll. Sein letztes Opfer prügelte Maik fast zu Tode. Immer wieder und wieder trat er auf den Jungen ein, selbst als dieser schon regungslos am Boden lag. Maik wird deshalb zu einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung verurteilt, 80 Sozialstunden und die verpflichtende Teilnahme an einem Antigewalt-Training. Dieses Training ist Maiks letzte Chance. Wenn er sich erneut verweigert und die AGT-Maßnahme abbricht, muss er ins Gefängnis. Und weil alles besser sei als Knast, wie ihm ein Kumpel erklärte, ist Maik nun damit einverstanden, ein halbes Jahr lang einmal in der Woche für vier Stunden zum „Sozialgeschwätz“ anzutreten.
In Stefan Gemmels neuem Buch „Befreiungsschlag“, das er zusammen mit dem Erlebnispädagogen, Diplom-Sozialarbeiter und Antigewalt-Trainer Uwe Zissner geschrieben und 2017 veröffentlicht hat, begleiten die Leserinnen und Leser Maik durch diese Maßnahme. Hautnah erfahren sie, was er denkt, fühlt und was sich langsam bei ihm verändert. Sie erfahren, wie er lernt, Empathie zu empfinden, sein Verhalten zu hinterfragen und sich eine Art Selbstmanagement bei Ärger, Frustration und Wut anzueignen. Es ist ein schmerzhafter Weg, zu erkennen, dass die vermeintliche Stärke in Wahrheit die allergrößte Schwäche ist. Nicht verwunderlich also, dass einige aus Maiks Gruppe aufgeben. Für die Achtklässler des Taunusgymnasiums wurde klar: In jedem von uns steckt ein Maik, oder wenigstens Spuren davon. Und es gibt Situationen, Konstellationen und Lebensgeschichten, die eine Entwicklung wie die von Maik begünstigen oder sogar entscheidend prägen. Oft haben sie etwas mit Hilflosigkeit zu tun, Hilflosigkeit, die durch Gewalt überspielt wird, die sich ihrerseits schließlich verselbständigt und zivilisierte Umgangsformen überlagert oder gar ersetzt. Doch klar wurde ebenso: Man kann etwas dagegen tun. Und für diese Erkenntnis, nicht zuletzt aber auch für Stefan Gemmels großartigen Auftritt, gab es begeisterten Applaus.

 

 

 

 

 

 

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